Der Mittelstand auf dem Weg zu Industrie 4.0

Mut zum Aufbruch ins digitale Zeitalter: Der Mittelstand auf dem Weg zu Industrie 4.0

Immer mehr Mittelständler erkennen die Chancen der Digitalisierung und stellen sich auf sie ein. Die Bundesregierung hat eine Reihe von Förderinstrumenten geschaffen, um dem Mittelstand konkrete Lösungswege aufzuzeigen und Praxishilfen in die Hand zu geben. Nun gilt es, die vielfältigen Fördermöglichkeiten auszuschöpfen und maßgeschneiderte Konzepte zu entwickeln und umzusetzen.

Von Dr. Wolfgang Stefinger, MdB

Stefinger, Wolfgang Dr.,
© Foto: DBT/Haar

„Mittelstand fürchtet sich vor Industrie 4.0“, „Mehrheit der Mittelständler sieht Digitalisierung skeptisch“, „Industrie 4.0 überfordert Mittelstand“, „Ist der deutsche Mittelstand reif für Industrie 4.0?“ – Meldungen wie diese konnte man in den letzten Jahren zuhauf lesen. Die disruptive Kraft der Digitalisierung hat weite Teile der Wirtschaft, vor allem auch den Mittelstand, tief verunsichert, denn sie verändert unsere Lebens- und Arbeitswelt fundamental. Die komplette Vernetzung von Menschen, Maschinen und IT-Systemen, die intelligente Nutzung großer Datenmengen (Big Data) und die Anwendung neuester Informations- und Kommunikationstechnologien bringen klassische Geschäftsmodelle ins Wanken und erschüttern ganze Branchen. In besonderem Maße von dieser atemberaubenden Entwicklung betroffen sind die Sparten Automobilbau, Maschinen- und Anlagenbau, Logistik, Gesundheit und Chemie, aber auch die Luft- und Raumfahrtindustrie – alles Branchen, in denen Deutschland weltweit eine Spitzenstellung einnimmt. Besonders deutlich zeigt sich dies beim autonomen Fahren: Hier fordern Innovationsriesen wie Tesla, Google und Apple fest etablierte Branchengrößen aus der Automobilindustrie heraus. Und selbst vor der Landwirtschaft macht der digitale Wandel nicht Halt.

Grundsätzlich ist Deutschland für Industrie 4.0 gut aufgestellt. Die große Kunst besteht nun darin, Deutschlands klassische industrielle Stärken mit den neuen digitalen Technologien zu verschmelzen und das große Potenzial an innovativen Geschäftsmodellen zu erschließen. Dabei bedarf es auch eines starken Mittelstandes, der übrigens eine Reihe von Hidden Champions in seinen Reihen weiß. Die gute Nachricht ist: In Deutschlands Mittelstand kommt immer mehr „digitale Bewegung“. In den Medien liest man immer häufiger von der „digitalen Aufholjagd“. Aktuelle Umfragen zeigen, dass das Bewusstsein für Industrie 4.0 sichtlich gestiegen ist und die Leitungsebenen sich eingehend mit dem digitalen Transformationsprozess beschäftigen.

Herausforderung Industrie 4.0

Nach der Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und Fließbandproduktion und der computergesteuerten Automatisierung der Fertigung stehen wir nun an der Schwelle zur vierten industriellen Entwicklungsstufe. Die Digitalisierung ist zweifellos eine der größten Herausforderungen für unsere Wirtschaft und Gesellschaft. Kein Wunder also, dass sich Unternehmen, insbesondere kleine und mittelständische fragen, wie Sie mit dieser häufig als „digitale Revolution“ bezeichneten Entwicklung Schritt halten sollen: Was brauche ich, damit meine Firma Industrie 4.0-tauglich wird? Wo kann ich mich über aktuelle Entwicklungen informieren und konkrete Unterstützung erhalten? Welche Geschäftsmodelle sind für mich ideal? Wie kann ich mich vor digitaler Ausspähung und Sabotage schützen? Wo finde ich qualifizierte Mitarbeiter? Und wie kann ich sie weiterqualifizieren? Und viele Beschäftigte treiben etwa Fragen um, wie: Wie sieht mein Arbeitsplatz von morgen aus? Werden Maschinen den Menschen aus der Arbeitswelt verdrängen? Kommt es zu einer Entgrenzung der Arbeitszeiten?

Gezielte Unterstützung für den Mittelstand: Industrie 4.0 „auf den Hallenboden“ bringen

Es ist ein prioritäres Anliegen der Politik, den digitalen Wandel nach Kräften zu unterstützen, um die enormen Potenziale für den Wirtschaftsstandort Deutschland nutzbar zu machen. Wir müssen Vorbehalte und Ängste abbauen und konkrete Lösungswege aufzeigen. Die Bundesregierung hat hierzu in den letzten Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher Programme und Fördermaßnahmen aufgelegt, wie ein Blick auf den im letzten Herbst im Deutschen Bundestag vorgestellten Koalitionsantrag zeigt: Sie reichen vom Ausbau der digitalen Infrastruktur über die Stärkung von Schlüsseltechnologien (z.B. Mikroelektronik), die Anpassung der Aus- und Weiterbildung, die Gestaltung der Arbeitswelt von morgen und die Verbesserung der IT-Sicherheit bis hin zur Vereinheitlichung des Rechtsrahmens und technischer Standards. Insgesamt werden von der Bundesregierung für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 mehrere hundert Millionen Euro bereitgestellt.

Keinesfalls fehlen darf dabei die Stärkung des Wissens- und Technologietransfers, insbesondere auch für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Eine besondere Herausforderung besteht darin, Industrie 4.0 in die Breite zu tragen und notwendiges Knowhow möglichst rasch in den Mittelstand und das Handwerk, tragende Säulen unserer Wirtschaft, zu bringen. Häufig bringen KMU Projektergebnisse sogar schneller auf den Markt als Großunternehmen. Insbesondere KMU benötigen daher speziell auf sie zugeschnittene Informationen zu Praxisbeispielen, Einführungsstrategien und Umsetzungsempfehlungen sowie Fördermöglichkeiten. Zu diesem Zweck hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gezielt Fördermaßnahmen aufgelegt, um Industrie 4.0 „auf den Hallenboden“ zu bringen. Im Rahmen von mehr als einem Dutzend Verbundprojekten geht es bei dieser Initiative beispielsweise um die Frage, wie KMU konkret ihre vorhandenen Anlagen, Maschinen und Systemkomponenten zu einem vernetzten Verbund weiterentwickeln können. Im Fokus stehen ferner die Entwicklung interaktiver Prozessmanagementsysteme und die Senkung des Ressourcenverbrauchs.

Industrie 4.0-Testumgebungen für KMU

Mit der aktuellen BMBF-Förderbekanntmachung „Industrie 4.0-Testumgebungen – Mobilisierung von KMU für Industrie 4.0“, die Teil der neuen Hightech-Strategie „Innovationen für Deutschland“  und des neuen Zehn-Punkte-Programms „Vorfahrt für den Mittelstand“ ist, wird ein weiteres Angebot geschaffen, um KMU bei der Erprobung von neuen digitalen Produkten, der Anpassung an digitalisierte Prozesse und der Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle zu unterstützen. Kernstück ist dabei die Möglichkeit für KMU zur Nutzung forschungsnaher Testumgebungen, wie Pilotanlagen und Demonstrationsfabriken, um neue Industrie 4.0-relevante Technologien zu erproben und zu verbessern. Wir wollen erreichen, dass innovatives Knowhow möglichst rasch Eingang in die industrielle Praxis findet und KMU fit für das digitale Zeitalter werden!

Ein weiteres Instrument zur Unterstützung des Mittelstandes bei der Implementierung von Industrie 4.0 ist die Förderinitiative „KMU-innovativ“. Mit vereinfachten Antrags- und Bewilligungsverfahren, einem speziellen Beratungsservice und vereinfachter Bonitätsprüfung sollen Spitzenforscher aus KMU einen besseren und schnelleren Zugang zu Fördermitteln erhalten.

Kompetenzzentren für KMU

Neben all dem ist es von Bedeutung, dass Firmen sich umfassend über Chancen und neue Geschäftsmöglichkeiten informieren können. Zu diesem Zweck richtet das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) bundesweit sog. Mittelstand-Kompetenzzentren, ein Kompetenzzentrum Digitales Handwerk und vier schwerpunktorientierte Mittelstand-Agenturen ein. Die ersten Kompetenzzentren sind bereits an den Start gegangen. In Bayern entsteht eine solche Einrichtung unter der Leitung des Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) in Augsburg. [UPDATE 29.08.2016: Am 1. Juli 2016 hat die Fraunhofer-Einrichtung für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik IGCV ihre Arbeit aufgenommen.] Praxisrelevantes Wissen nicht nur zu technischen Fragen, sondern auch zu neuen Geschäftsmodellen zielgerichtet vermitteln, Demonstrationsmöglichkeiten anbieten, Akteure miteinander vernetzen – dieses Angebot wird einen wichtigen Beitrag leisten, die Digitalisierung der Wirtschaft weiter in die Fläche zu tragen und Firmen den notwendigen „digitalen Schwung“ zu verleihen.

Chancen nutzen!

Wir stehen noch am Anfang einer umwälzenden Entwicklung. Industrie 4.0 hat revolutionären Charakter, doch die Umsetzung kann nur schrittweise, also evolutionär, erfolgen. Mit den zahlreichen Förderaktivitäten eröffnen sich viele Chancen, den digitalen Transformationsprozess gemeinsam und erfolgreich zu bewältigen. Den innovationsstarken KMU kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Welche innovativen Industrie 4.0-Lösungen von Unternehmen und Forschungseinrichtungen bislang hervorgebracht wurden, können wir bei der diesjährigen AUTOMATICA mit ihrer IT2Industry bewundern. Ob IT-Security, Smart Factory, Big Data oder Arbeitswelt 4.0, um nur einige Schlagworte zu nennen: Münchens Internationale Fachmesse und Open Conference bietet alles, was eine leistungsstarke Messe ausmacht: Eine Vielzahl attraktiver Aussteller, ein ansprechendes Fachprogramm und viel Raum zum Austausch und zur Vernetzung. Ich wünsche der IT2Industry einen erfolgreichen Verlauf und den Besucherinnen und Besuchern viele neue Impulse und Mut bei der Gestaltung des digitalen Wandels.

Dr. Wolfgang Stefinger, MdB (CSU), Mitglied des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Berichterstatter der AG Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Industrie 4.0.

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