Interview Prof. Dr. Jürgen Kletti, MPDV Microlab GmbH

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Kletti MES D.A.CHBei der Open Conference der IT2Industry spricht Prof. Dr.-Ing. Jürgen Kletti, Geschäftsführer der MPDV Microlab GmbH, in seiner Funktion als als 1. Vorsitzender des MES D.A.CH Verband am Dienstag, 10. November 2015, über mehr Effizienz und Qualität in der Produktion. Vorab hat er sich mit dem IT2Industry Blog über die Bedeutung von MES in der Industrie 4.0 unterhalten.

IT2IBlog: In Ihrem Vortrag im Rahmen der IT2Industry Open Conference sprechen Sie von mehr Effizienz und Qualität in der Produktion. Wie können diese beiden Punkte Ihrer Meinung nach optimal erreicht werden?

Prof. Dr. Kletti: „Effizienz und Qualität sind die 2 wesentlichen Punkte für Fertigungsunternehmen. Der Kunde erwartet fehlerfreie Produkte. Das Unternehmen muss effizient sein, um am Markt und im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Mehr Effizienz wird erreicht durch eine optimale Reihenfolge von Produktionsabläufen. Diese können aber nicht nur als Plan verstanden werden, der einmal erstellt und dann abgearbeitet wird, sondern als eine Regelung, die sich permanent an das Fertigungsgeschehen anpasst. Die Fertigung läuft nicht immer wie geplant. Es werden Maschinen und Vorrichtungen defekt, es fehlt Material, es wird unvorhergesehener Ausschuss produziert. Auf diese Störungen muss die Fertigungsplanung reagieren und den effizientesten Ausweg aus der Situation finden. Weiterhin muss die Planung Rüstvorgänge berücksichtigen und auf diese Art und Weise optimale Reihenfolgen bilden.

Die Qualität lässt sich durch eine mitlaufende Qualitätssicherung verbessern, die einen Prozess sofort unterbricht, wenn die produzierten Teile den Spezifikationen nicht genügen. So vermeidet man unerkannten Ausschuss zu produzieren und auch fehlerhafte Prozesse fortzuführen und damit Kapazitäten zu verschleudern.

Für beide Ziele, mehr Effizienz und mehr Qualität benötigt man ein zeitnahes Abbild der Fertigung, das man durch Erfassen aller relevanten Daten erstellen kann. Hier sind nach heutigem Stand der Technik MES-Systeme die idealen Werkzeuge. Ist nun ein solches Abbild durch permanente Datenerfassung und Verdichtung erstellt, so können auf diese Datenbestände eine Reihe von Applikationen zugreifen, wie Qualitätssicherung, Feinplanung, Materialverfolgung, Schwachstellenanalyse usw. Aus dieser kurzen Betrachtung sieht man, dass zur Erreichung der zwei genannten Ziele MES ein unverzichtbares Werkzeug ist.“

IT2IBlog: Welche Rolle spielt MES für eine erfolgreiche Produktion im Zeitalter von Industrie 4.0?

Prof. Dr. Kletti: „Industrie 4.0 wird mit sehr vielen Begriffen verbunden. Aus heutiger Sicht würde ich daraus die Vision der flexiblen, effizienten und hochqualitativen Fabrik ableiten. Dazu ist eine Vernetzung aller Produktionsmittel notwendig. Ob dies nun in Form einer Cloud oder mit Hilfe des Internets vorgenommen wird, ist dabei sekundär. Wichtig ist, dass diese Verbindungen stabil, echtzeitfähig und vor allem sicher sind. Das was heutige MES-Systeme hierzu anbieten, kann als erster Schritt auf dem Weg zu Industrie 4.0 gesehen werden. Ich halte MES sogar für einen unverzichtbaren Teil dieser Strategie, denn Datenerfassung , Datenverdichtung und Interpretation wird unbedingt notwendig sein auf dem Weg zur digitalen Fabrik.

Fälschlicherweise wird oft nur die Datenerfassung betrachtet. Mindestens genauso wichtig ist aber die Verdichtung der anfallenden Datenflut. MES soll eine Real-Time-fähige Fertigung unterstützen, das heißt, dass anfallende Daten auch schnell genug verarbeitet werden müssen. Hier einfach zu sagen, wir gehen in das Zeitalter von Big-Data halte ich für zu kurz gesprungen. Produktionsdaten liegen strukturiert vor und sollten so auch behandelt werden. Wenn man über Big-Data-Technologien, Data-Mining und vergleichbare Dinge weitere Auswertungen wie Trend-Analysen fahren möchte, so ist das eine weitere Aufgabenstellung neben der reinen Fertigungsoptimierung.“

IT2I Blog: Als geschäftsführender Gesellschafter von MPDV haben Sie direkten Kontakt mit der Produktions- und Fertigungsindustrie. Wie sind derzeit bei den Unternehmen die Hürden bzw. Bedenken bezüglich Industrie 4.0?

Prof. Dr. Kletti: „Ich glaube, Hürden bzw. Bedenken gibt es hier relativ wenige. Das Hauptproblem besteht darin, dass Industrie 4.0 zu wenig greifbar erscheint. Wir tun hier in Deutschland auch relativ wenig dazu, um diese Idee sichtbarer zu machen. Viele Gremien arbeiten daran, Industrie 4.0 zu beschreiben, theoretische Gebilde darum zu bauen, nur relativ wenige machen sich um die Anwendbarkeit Gedanken und noch weniger Ideen gibt es, die beschreiben, wie denn ein Industrie 4.0-Unternehmen aussehen soll. Das ziellose Vernetzen von Produktionsmitteln wird hier nicht das gewünschte Ergebnis bringen. Man sollte die ganze Sache vom Nutzeffekt her aufziehen.

Auf dem Weg zu der hochflexiblen Stückzahl 1-fähigen Fabrik, die supereffizient ist und keine Ausschuss produziert, werden wir viele Schritte gehen müssen. Jeder dieser Schritte bietet die Chance, die Effizienz zu steigern und die Qualität zu verbessern. Wir sollten anfangen, mehr nach diesen schrittweisen Verbesserungen zu greifen, als zu dem großen Fernziel Industrie 4.0, dessen Erscheinungsbild heute doch sehr nebelhaft ist.“

IT2I Blog: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wie weit wird die deutsche Industrie in 5 Jahren im Bereich IOT, Industrie 4.0 bzw. Digitalisierung sein?

Prof. Dr. Kletti: „Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Aber Sie sehen an den 3 Elementen in Ihrer Frage, es geht hauptsächlich um IT-Strategien und nicht um die Nutzeffekte für den Kunden oder für das Produktionsunternehmen. Die Digitalisierung wird mit Sicherheit in den Unternehmen auf breiter Front vorangetrieben werden. Wie oben bereits erwähnt, ist Datenerfassung eines der wichtigen Themen, um eine reaktionsfähige und transparente Fabrik zu schaffen. Die Systeme, die man zur Datenerfassung benötigt, lassen sich auch gleichzeitig dazu benutzen, um Fertigungsinformationen an die einzelnen Arbeitsplätze zu bringen.

Vor vielen Jahren gab es den Begriff der „papierlosen Produktion“. Wir sind auf diesem Weg noch nicht weit vorangeschritten. Das wäre zum Beispiel ein naheliegendes Ziel, Begleitpapiere aus der Fertigung völlig zu verdrängen und diese durch elektronische Laufkarten oder vergleichbare Techniken zu ersetzen. Inwieweit IOT, also die Verknüpfung aller Dinge über das Internet, zu wirklichen greifbaren Verbesserungen führt, sei dahingestellt. Die Vernetzung wird mit Sicherheit zunehmen, deutlich zunehmen. Es ist aber notwendig, die Anwendungen zu schaffen, die sich dieser steigenden Vernetzung bedienen und die daraus bessere und effizientere Produktionsabläufe ableiten.

Für die nächsten 5 Jahre würde ich allerdings als „sicher“ betrachten, dass ein Produktionsunternehmen ohne MES im globalen Wettbewerb nicht mehr wettbewerbsfähig sein wird.“

IT2Industry Open Conference, Dienstag, 10. November 2015, 12 Uhr: Prof. Dr. Jürgen Kletti “Mehr Effizienz und Qualität in der Produktion mit MES und Industrie 4.0” (Messe München, Halle B3)

Über Prof. Dr. Jürgen Kletti

Jürgen Kletti, Prof. Dr.-Ing., Jahrgang 1948, studierte Elektrotechnik mit dem Spezialfach “Technische Datenverarbeitung” an der Universität Karlsruhe. Nach der Promotion Gründung und Geschäftsführung der Firma MPDV Mikrolab GmbH, einem führenden Anbieter von MES-Lösungen (Manufacturing Execution System). In zahlreichen Fachgremien und Beiräten setzt er sich für die Standardisierung von MES-Funktionen und die Verbreitung des MES-Gedankens erfolgreich ein. Er ist Vorsitzender des VDI-Arbeitskreises MES und Initiator der MESA-Europe

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